19 October 2018

EM2018 | RuhrNachrichten CR - der TM im Interview

Sind Sie der Bierhoff des Korfballs, Jochen Schittkowski? So machen heute die Ruhrnachrichten Castrop-Rauxel auf. Hier das Interview:
Der Teammanager im Interview
Seit fünf Jahren ist er Manager der deutschen Korfball-Nationalmannschaft. Welche Rolle hat Jochen Schittkowski bei diesem Turnier? Was sagt er über den Sensationserfolg gegen Belgien und die Erfolgsaussichten des Teams vor dem Halbfinale am Freitag gegen Portugal?
RN: Herr Schittkowski, wir haben Sie den Korball-Bierhoff genannt. Würden Sie da zustimmen?
JS: Ich fand die Beschreibung erst ganz lustig, ja. Aber dann hab ich mal darüber nachgedacht: Der Oliver Bierhoff hat bei der Fußball-Nationalmannschaft noch 15 Leute hinter sich. Ich dagegen muss alles selbst machen. Ich hole morgens Brötchen, fege die Bude, dazu haben wir zwei Trainer, zwei Physios – und eben mich als Teammanager.
Und vom Gehalt her ist das vermutlich auch ein kleiner Unterschied...
Von Gehalt kann man ja bei uns gar nicht sprechen. Es gibt eine Aufwandsentschädigung vom Ministerium (Amerkung: Bundesinnenministerium,Sportförderung über DOSB und DTB), aber die steht zum Aufwand in keinem Verhältnis. Wir machen das unterm Strich ehrenamtlich.
Sie sind in Friesland und sprachen vom Brötchenholen am Morgen. Gegen Sie uns doch mal einen Einblick, wie so ein Turnier abläuft für die Nationalmannschaft.
Wir wohnen in einem Bungalowpark in Earnewald. Das ist ansonsten ein Dorf mit drei Häusern. Wir haben dort mehrere Häuser. Eines davon ist für den Staff, also das Team um das Team herum. Ich fahre in der Tat morgens um 7 Uhr mit dem Auto in den Nachbarort zum Brötchenholen. Dann treffen wir uns um 8 Uhr zum Frühstück. Alle Spiele finden ja in vier Spielorten in Friesland statt, die maximale Entfernung sind 30 Kilometer. Unser Ferienpark ist praktisch in der Mitte. Die Tschechen sind auch hier.
Wie läuft so ein Tag mit der Nationalmannschaft denn genau ab?
Wenn ich Brötchen hole, mache ich morgens ein Foto (Anmerkung "Foto" geändert von "Selfie") der aktuellen Umgebung und schicke einen Morgengruß mit Schafen, Gänsen oder Kühen, der aktuellen Temperatur und einer Motivationsbotschaft ans Team. Wir haben jeden Tag eine Trainingseinheit. Von morgens ab 8 Uhr bis abends sind die Tage aber auch sonst ausgefüllt. Der Staff arbeitet meistens bis nachts um 1 Uhr. Die Spieler haben ein bisschen mehr Erholungszeit. Also um 8 Uhr ist Frühstück, dann gibt es zwischendurch immer mal wieder Teambuildung-Spielchen. Wir fahren etwa eine halbe Stunde zum Training, kochen selber, essen zusammen zu Mittag. Dann ist eine Stunde Mittagspause. Danach steht die Gegner-Analyse an. Wir haben einen Beamer dabei, um gute und schlechte Spielzüge aus dem eigenen Spiel nachträglich zu analysieren. Das dauert rund eine Stunde. Wir analysieren aber auch den Gegner. Nachmittags packen wir die Klamotten ins Auto, fahren zum Spiel, dann zurück, Essen zu Abend – dann ist so ein Tag vorbei. Es ist keinen Stress, aber der Tag ist ziemlich voll.
Zum Sportlichen: Es gibt ja immer nur acht Spieler, die zu Spielbeginn zum Einsatz kommen. Das Team hat aber 16 Personen. Ist das ein Problem?
Es gibt praktisch eine zweite Acht im Hintergrund. Das ist aber keine B-Mannschaft. Der Trainer wechselt je nach Erfordernis, abgestimmt auf den Gegner. Johanna Gnutt stand zum Beispiel im Spiel gegen Belgien in der Start-Acht, weil sie gegen Belgien einfach die richtige Person war. Es gibt Spieler mit filigranem oder robusterem Spiel, Links- oder Rechtshänder und viele andere Faktoren, die eine Rolle spielen.
Von sechs Spielern aus Castrop-Rauxel waren einige bislang aber doch eher hinten dran, oder?
Nein, die Castrop-Rauxeler Spieler sind nicht schwächer als die aus dem Rheinland. Anna Schulte vom Schweriner KC hat gespielt, Lea Sander auch. Karen Fuchs ist gegen Tschechien eingesetzt worden. Die Trainer haben schon einen harten Job. Wir haben ein Betreuer-Bungalow, in dem wir jeden Abend die Gegner analysieren.
Wie ist denn die Stimmung im Team?
Ich bin nun im fünften Jahr Teammanager – so gut wie in diesem Jahr war sie noch nie. Das Team ist schon lange Zeit zusammen und hat einen Aufwärtstrend mitgemacht. Bei der vorletzten EM vor fünf Jahren wurden wir Zehnter. Bei der WM Sechster, bei der EM Fünfter, bei den World Games Vierter. Die Spieler kennen sich alle. Es gab zwar auch Veränderungen, aber der Kern der Mannschaft ist zusammen geblieben. Die Mannschaft will weit nach vorn kommen – da bleibt kein Raum für Konkurrenzdenken und Beleidigtsein. Bei jeder Team-Besprechung hängt ein Banner an der Wand: Was war gut, was war schlecht? Auf dem Zettel steht immer: Bewahrt eure stoische Ruhe! Lasst euch nicht verrückt machen! Teamspirit und „Jeder kämpft für den anderen“ steht ganz oben drüber. Der Teamspirit ist wunderbar.
Sie haben Belgien in der Vorrunde besiegt. Hat Deutschland Belgien jetzt den Rang abgelaufen?
Nein, das haben wir nicht. Das ist eine Momentaufnahme. Belgien ist Vize-Weltmeister und -Europameister. Wir haben einmal gegen Belgien gewonnen, aber sie bleiben zweit- oder drittstärkste Nation der Welt zusammen mit Taiwan.
Aber Sie sind Gruppenerster geworden. Das hat das Turnier verändert, oder?
Das ist nicht egal für den weiteren Verlauf, das stimmt. Wir sind jetzt auf einen leichteren Gegner getroffen, also den den Gruppenersten der Qualifikanten, Ungarn. Dadurch sind wir in einer komfortablen Situation. Nun aber ist wieder alles offen.
Im Halbfinale geht es nun gegen Portugal, das sich gegen Katalonien durchgesetzt hat. War das zu erwarten?
Bei der letzten EM traf Katalonien im Spiel um Platz 3 auf Portugal. Da hat Katalonien gewonnen. In den letzten zwei Jahren gab es aber eine andere Entwicklung: Portugal hat sein Level behalten, Katalonien ist abgefallen. Daher ist Portugal verdient im Halbfinale.
Das Interview führte Tobias Weckenbrock, RN Castrop-Rauxel